Viele Paare leiden unter "Überforderung" - Andrea Nahles will Neudefinition der Familienpolitik der SPD

Andrea Nahles (Quelle: spd.de | Foto: Dominik Butzmann)Berlin - Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) fordert ihre Partei auf, ihre Familienpolitik neu zu definieren. Sie könne über das angebliche Ideal, "beide arbeiten Vollzeit und sind glücklich dabei", nur lachen.

"Dass in einer Familie beide Partner Vollzeit arbeiten, ist über die Jahre die Zielvorstellung, ja geradezu die Idealisierung der SPD gewesen", sagte Nahles. "Mittlerweile begegne ich aber immer mehr Menschen, die sich sorgen, dass die Arbeit alles andere in ihrem Leben erschlägt." Der Wunsch nach mehr Flexibilität, etwa nach Teilzeitarbeit oder Homeoffice, sei groß. Darauf müsse die SPD reagieren. Es gehe um die Frage, wie die sich als Arbeiterpartei verstehende SPD auf die moderne Arbeitswelt und die Bedürfnisse der Familien reagieren solle. Nahles erklärte, im angebrochenen Jahr werde bei ihr die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Mittelpunkt stehen. "Viele Mütter und Väter merken einfach, dass die moderne Arbeitswelt die Belange der Familien viel zu wenig berücksichtigt. Man bekommt doch kein Kind, nur um dann damit beschäftigt zu sein, es irgendwie wegzuorganisieren, weil man arbeiten gehen muss. Über dieses angebliche Ideal, beide arbeiten Vollzeit und sind glücklich dabei, kann ich nur lachen. Es ist für viele Paare schlicht eine Überforderung." Damit schlägt sich die Arbeitsministerin auf die Seite ihrer Kollegin und zugleich Familienministerin, Manuela Schwesig (SPD), die bereits vor einem Jahr eine Elternarbeitszeit forderte. Die heutige Elterngeneration, so Schwesig, wolle beides: Arbeit und Kind - gleichberechtigt nebeneinander. Damals war der Vorschlag innerhalb der Partei noch ablehnend beschieden worden. Es handele sich dabei lediglich um einen "persönlichen Debattenbeitrag" der Ministerin, erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert vor einem Jahr kühl. Nachdem kurz vor Weihnachten Sigmar Gabriel das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf zur Chefsache erklärte, wolle man das Thema nun aktiver angehen. "Wir wollen das Projekt Familienarbeitszeit unserer Familienministerin vorantreiben", so Gabriel. Nahles erklärte: Leider sei die Arbeitsmarktpolitik noch immer "sehr stark von der Logik der Massenarbeitslosigkeit geprägt. Wir müssen es schaffen, dass auch Leute mit niedrigeren Einkommen die Möglichkeit haben, in bestimmten Phasen ihres Lebens weniger zu arbeiten, in anderen wieder dann mehr." Sie arbeite derzeit an den verschiedenen Möglichkeiten für Arbeitnehmer, die "die Selbstbestimmung die Frage, wann man wie viel arbeitet ein Stück weit erhöhen würden". Schwesig erklärte, heute würden Frauen lieber dreißig statt 19 Stunden arbeiten und Männer lieber 35 statt vierzig Stunden. Sie wolle dafür sorgen, dass die Arbeitszeit für Familien besser verteilt wird. "Wenn sich das annähert, erhöhen sich die Gesamtarbeitsstunden und damit das Familieneinkommen - und es bleibt trotzdem Zeit für Familie. Das Einkommen ist dann auch stabiler. Außerdem ist die Familienarbeitszeit auch ein großer Beitrag zur Gleichberechtigung", so Schwesig. Weil heutzutage in der Regel nur ein Vollzeitjob ein ausreichendes Einkommen und somit Perspektiven sichere, arbeiten jedoch die meisten Männer aus finanziellen Gründen gezwungenermaßen in Vollzeit und Frauen müssten überwiegend ungewollt in Teilzeit arbeiten gehen, um die Betreuung der Kinder abdecken zu können. "Es muss für Männer und Frauen möglich sein, in Familienphasen Teilzeit, zum Beispiel 32 Stunden zu arbeiten, auch ohne große Nachteile zu haben", so Schwesig. Sie forderte ein Rückkehrrecht von Teilzeit zu Vollzeit und mehr finanzielle Unterstützung für Familien.

Auch die Grünen hatten sich auf ihrer Klausurtagung dafür ausgesprochen, sich dem Thema künftig stärker zu widmen. Die beiden grünen Vorstandsmitglieder Bettina Jarasch und Gesine Agena legten ein Positionspapier "Leitideen für eine grüne Zeitpolitik" vor, in dem sie unter anderem die Forderung nach einem staatlichen Lohnausgleich aufstellen. Dieser solle jedoch nur bei Geringverdienern greifen. Bei Menschen, die besser verdienen und sozial abgesichert seien, müsse der Fokus darauf liegen, ihnen mehr Selbstbestimmung über die eigene Zeit einzuräumen, welche jedoch nicht von der Gesellschaft finanziert werden sollte. "Prekär Beschäftigte und Menschen mit geringen Löhnen dagegen können sich derzeit eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit gar nicht leisten, egal, ob es um Fürsorgeaufgaben oder um eine dringend benötigte Auszeit geht. Hier müssen wir auch über finanzielle Kompensationen nachdenken." Bettina Jarasch, die Berliner Grünen-Chefin sieht in Schwesigs Vorschlag zur Familienarbeitszeit einen "wichtigen Schritt in die richtige Richtung“.