Statistisches Bundesamt warnt: 16,2 Millionen Deutsche arm oder sozial ausgegrenzt

Logo des Statistischen Bundesamts | Quelle: destatis.deBerlin - Wie das Statistische Bundesamt nach Veröffentlichung seiner Erhebung "Leben in Europa 2013" bekannt gab, ist jeder fünfte Deutsche arm oder sozial ausgegrenzt. Damit werden die Daten des Mikrozensus bestätigt.

Den Angaben zufolge habe sich die Situation innerhalb der letzten fünf Jahre leicht verschlechtert. Waren im Jahr 2012 19,6 Prozent der Bevölkerung arm, oder von Armut gefährdet, sind es nun 20,3 Prozent, noch immer sind Frauen häufiger betroffen als Männer. Deutschland liegt mit einem Prozentsatz von 20,3 Prozent armer Menschen etwas unterhalb des europäischen Schnitts von 24,5 Prozent. Während der Anteil der Armen in Deutschland statistisch gesehen fast stagniert, beobachtet das Statistische Bundesamt eine deutliche Zunahme in bestimmten Ballungsgebieten. So steigt die Gefahr zu verarmen etwa in Bremen von Jahr zu Jahr. Während die Armutsgefährdung dort vor zwei Jahren noch bei 22 Prozent lag, stieg diese im Jahr 2013 auf 24, 6 Prozent und somit weit über den Bundesdurchschnitt. Aktuell seien in der Bundesrepublik 16,1 Prozent der Bevölkerung von Armut bedroht. Die Senatorin für Soziales, Anja Stahmann (Grüne) ließ über ihren Sprecher David Lukaßen erklären: "Die Zahlen bestätigen die  vorhandenen Erkenntnisse in Bremen." Zwar gebe es Ideen um der Armut vorzubeugen beziehungsweise diese zu lindern, es bleibe aber eine Herausforderung für den gesamten Senat, so Lukaßen. "Das Angebot der Kinderbetreuung soll vor allem in stark benachteiligten Stadtteilen ausgebaut, die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben unterstützt werden."

Wie der Paritätische Wohlfahrtsverband Bremen mitteilte, liege die Ursache für ein Leben in Armut häufig in der Arbeitslosigkeit. So seien in Bremen rund zwei Drittel aller Arbeitslosen armutsgefährdet. Der Verband forderte den Senat auf, klar zu benennen wie viel Geld er für die Schutzmaßnahmen im Kampf gegen die Armut zur Verfügung stellen will. Wie Kristian Messing, Sprecher der Agentur für Arbeit in Bremen-Bremerhaven erklärte, gilt allgemein: "Eine Qualifizierung schützt vor Arbeitslosigkeit". Deshalb konzentriere sich die Agentur auch darauf, Arbeitslosen Fachkenntnisse zu vermitteln, sagte Messing. Der Sozialverband VdK Deutschland wertet die Zahlen nach wie vor als ein Alarmzeichen dafür, dass Armut in Deutschland keine Randerscheinung mehr sei, erklärte der Verband. Vor allem das angestiegene Armutsrisiko für ältere Bürger sei besorgniserregend. Erst im November hatte das Statistische Bundesamt bekanntgegeben, dass Ende 2013 fast 500.000 Rentner in Deutschland staatliche Hilfen zusätzlich zu ihrer Rente in Anspruch nehmen mussten. Das entspricht einem Anstieg um 7,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, wie Altersarmut bekämpft und langfristig verhindert werden kann", mahnte der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt (AWO), Wolfgang Stadler. "Um zu verhindern, dass es immer mehr ältere Menschen gibt, deren Rente zum Leben nicht ausreicht, muss der Niedriglohnsektor eingedämmt und ein weiteres Absinken des Rentenniveaus vermieden werden", so Stadler. Vor allem der Niedriglohnsektor ist in den letzten Jahren stark angewachsen, eine Zunahme der Altersarmut damit absehbar. Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisierte: "Die neuerlichen Rekordzahlen sind lediglich Vorboten einer auf uns zurollenden Lawine der Altersarmut. Ab Mitte des nächsten Jahrzehnts droht ein Heer von ehemals Langzeit- und Mehrfacharbeitslosen unaufhaltsam in die Altersarmut zu fallen", prophezeit der Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider.

In der Statistik werden als arm oder sozial ausgegrenzte Menschen all jene gezählt, die entweder armutsgefährdet sind, unter erheblichen materiellen Entbehrungen oder in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung leben. Als armutsgefährdet gilt, wer als Einzelperson weniger als 979 Euro im Monat zur Verfügung hat. "Das ist weniger als 60 Prozent der mittleren Einkommen der Gesamtbevölkerung", sagte ein Sprecher des Bundesamtes. Seit 2005 werden die Zahlen jährlich europaweit erhoben. Hierzu gelten für alle Mitgliedsstaaten einheitliche Definitionen und methodische Mindeststandards, damit die Ergebnisse vergleichbar sind.